Noch 2 Tage und 500km
Wir sind jetzt bei Rico zu Hause (bei Gera) und unsere Sachen trocknen gerade auf dem Dachboden. Unser Gepäck ist wieder mal komplett abgesoffen dank der tollen Koffer. Wieso sind die Dinger eigentlich genietet und nicht geschweißt? Sieht halt toll aus vor der Eisdiele, aber praxistauglich ist der Mist nicht!
Tag 19:
Wir verlassen die Oase von Moritz' Garten nach einem schönen Frühstück draußen. So richtig Sommer! DEr Verkehr fließt immer noch soooo zäh! Aber nur, bis der Abzweig nach Minsk kommt. Da wollen alle hin. Wir nicht. Rico hat kein Visum für Weißrußland. Ich habe eins, weil ich ja mit dem Zug durch wollte. Und Rico hat keins, weil wir ja eigentlich übers schwarze Meer heim wollten. Scheinbar will kaum jemand Richtung Baltikum. Die Straße bleibt aber so, wie seit 5000km: ein aufgeschütteter Damm im Wald ohne Kurven. Mal mit gutem Asphalt, mal mit tiiiiiefen LKW Spurrillen, mal mit tiiiiefen Schlaglöchern, mal unbefestigt, viel Baustellen. Aber es läuft! Wir kommen gut vorwärts! Immerhin, nach 3 Tagen haben wir es aus dem Dunstkreis von Moskau geschafft! Abends wird es schwer, einen Schlafplatz zu finden. Die Trasse ist nur an wenigen Stellen zu verlassen und das ist genau da, wo natürlich auch alle LKW Fahrer Pause machen und ihren Müll hinterlassen. Oder man versinkt sofort im Schlamm. Nach einer Stunde versuchen finden wir eine Stelle am Waldrand. Es ist heiß und mückenverseucht. Wir hocken in Motorradklamotten in der prallen Sonne und hoffen, daß sie bald unter geht, damit wir in der "Mückenschutzkleidung" nicht so schwitzen. Nicht nur die Mücken fliegen Kampfattacken, auch Bremsen. Ich binde mir den Schal bis zur Nase und das Kopftuch bis zu den Augen. Essen ist fast unmöglich. Sobald es geht, flüchten wir in die Zelte.
Gefahrene km: 618
Tag 20:
Es ist 2 Uhr nachts und ich muß mal. Ich hatte mit Ohrenstöpseln geschlafen, weil das Gefiepe der Mücken rund ums Zelt nervig war. Jetzt, da ich die Stopfen aus den Ohren pule weiß ich: da draußen werde ich verlieren. Aber ich muß. Muß raus. Meine Taktik: wild mit den Händen um den Popo wedeln. Probem: die Mistviecher sind in der Überzahl, vier Stück erwischen mich trotzdem am Allerwertesten. Und: mein Mückengift wirkt mittlerweile nicht mehr im Gesicht und während ich meinen Hintern verteidige, beißen die Viecher einfach ins Gesicht. Ich reagiere allergisch auf Stiche am Kopf und so merke ich auf meiner Flucht zum Zelt zurück schon: mein linkes Auge schwillt zu, meine linke Schläfe, meine Unterlippe und der Haaransatz blähen sich auf.
Wir stehen um 6 Uhr auf, frühstücken in voller Montur (inklusive Handschuhe!) wegen der Mücken am nutzlosen Lagerfeuer und machen uns auf Richtung russische Grenze. Wir wollen früh da sein und sind ZU früh da. Alle Beamten übrigens auch. Und weil erst um 9 Uhr Arbeitsbeginn ist und wir um 8:45 da, dürfen wir ihnen beim Rauchen und Cafe trinken zuschauen. Nach dem russischen Ausreisestempel bekommen wir eine Stunde Zeit geschenkt und hoffen, in der EU arbeitet man nicht auch erst ab 9 Uhr! Gott sei Dank läßt man uns schon vor 9 Uhr in die EU rein und wir sind in Lettland!
Nach nur wenigen Kilometern ändert sich die Landschaft. Aus ewig geschlossenem Wald wird eine offene Landschaft, die kleine Landstraße hat sanfte, schöne Kurven und wir sehen Menschen. Die Landschaft lebt! Da wird Getreide geerntet, werden Strohballen gepreßt, wird Heu gewendet. In Rußland war fast nur Wald ohne Leben. Hier gibt's was zu gucken! So schön! Und ganz viele Störche! So viele Störche wie heute habe ich noch nie in meinem ganzen Leben gesehen! Nach 13 Jahren im Elsaß, das ja mit seinen Stöchen wirbt, weiß ich nun: Ihr Franzosen, hört auf, Frösche zu fressen, dann habt Ihr auch Störche! Wahnsinn! Überall Störche in Nestern, in Tümpeln, auf Feldern, im Flug... Bilderbuchschön! Den Übergang von Lettland zu Litauen merke ich gar nicht. Mir fällt nur auf: die Preise sind so komisch, gar keine Euros mehr! Wir kehren ein bei einer netten Frau in ihrem wunderschönen Garten und genießen Schaschlik vom Grill. Es ist so richtig Sommerurlaub! Die Kilometer vergehen, ohne daß wir das merken. Es gibt so viel zu sehen und kaum Verkehr! Das Baltikum ist so schön! Plötzlich sind wir in Polen und wir nähern uns über klitzekleine weiße Straßen unserem Tagesziel: Masuren. Es ist so entspannend, so schön, so toll zu fahren: Blick in die offene Landschaft, Dörfer, Menschen, Störche, Bootchen, Seen! Nur mit dem Schlafplatz werden wir enttäuscht: an den Seen ist nur Schilf und Sumpf. Wir zelten an einem Waldrand und grillen selbst gemachte Schaschlik auf frischen Lindenzweigen. So richtig Sommer!
Gefahrene km: 711
Tag 21:
Es ist 5:30 und eine Kuh spielt mit unserer Wasserflasche. Guten Morgen, Polen! Ich krabbele aus dem Zelt und kläre das mit der Kuh. Keine 30min später ist sie wieder da und macht sich an Ricos Zelt zu schaffen. O.k., du Kuh, dann stehen wir halt auf! Die Kuh hat gewonnen. Aber früh morgens durchs verschlafene Masuren zu gondeln ist auch toll! Wir fahren durch Alleen dicht wie Tunnel, kleine Dörfchen, kleine Sträßchen. Und irgendwann treffen wir die Entscheidung, mal "vorwärts" kommen zu wollen und wählen eine "rote" Straße. Und dann ging nichts mehr. Russische Verhältnisse mitten in Polen. Dazu ist es über 30 Grad heiß und wir quälen uns. So viel Eiscreme und kalte Cola gibt's gar nicht, um uns zu kühlen! Heute ist aber auch jede Bahnschranke auf unserem Weg unten und jeder Verkehrsunfall auf unserer Strecke! Schade, dabei fing der Tag trotz Kuh so toll an! Gegen Abend endet er aber doch noch toll: wir finden einen Übernachtungsplatz an einem See, in den wir sofort zur Abkühlung springen, bevor uns die Mücken am Lagerfeuer wieder überfallen. Um uns herum donnert und blitzt es, aber wir bleiben auch in der Nacht verschont!
Gefahrene km: 470
Tag 22:
Freie Fahrt Richtung Deutschland! Alle Bahnschranken geöffnet, keine Unfälle. Fast vermisse ich schon die allmorgendliche russische "Landschafts - Deko" aus über Nacht verunfallten LKWs im Wald, Hang, Feld, Wiese, Graben...Plötzlich ein Schild: "Bundesrepublik Deutschland 60m". Und zack, sind wir da! Mongolei - Deutschland. 22 Tage waren so schnell vorbei! Noch sind wir nicht da, noch ist die Reise nicht zu Ende, noch stehen 700km und 2 Tage an, aber irgendwie ist in mir das Gefühl "vorbei". Es bleibt kaum Zeit für düstere Gedanken, denn es ziehen düstere Wolken auf und wir werden kräftig geduscht. 50km vorm Tagesziel ist ALLES naß. Meine eigentlich wasserdichten Handschuhe laufen voll, weil ich sie nicht richtig angezogen hatte. In der Sitzkuhle der so tollen Tenere - Sitzbank entsteht ein Swimmingpool, der in meine Regenhose läuft. Mein Schal saugt sich voll, min Helmfutter ist ein Schwamm, in den Stiefeln herrscht hoher Seegang. In den Koffern auch. Übrigens: die sind genietet. Und das ist nur praktisch, wenn man damit vor der Eisdiele angeben möchte. Pitschnaß wollen wir beim Bäcker Kuchen kaufen und dürfen nicht in den Laden. Ich fühle mich wie ein nasser Pudel "Hunde müssen draußen bleiben". Über den Hinterausgang bekommen wir dann doch noch etwas zu Essen und sind bald bei Rico zu Hause. Der wohnt bei Gera aufm Dorf und auf seinem Dachboden tropft nun alles vor sich hin. Und stinkt, denn in 4 Alukoffern könnten Frösche für die heimischen Störche heimisch werden...
Gefahrene km: 528
Fotos hier:
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