Ich fahre eine von zwei Teneres, die für den Veranstalter OVERCROSS ABENTEUERREISEN nach Deutschland überführt werden. Diese Reise gibt es (mit kürzeren Etappen und weniger anspruchsvoller Streckenführung) als Reise mit eigenem Motorrad in umgekehrter Richtung zu buchen. "Transkontinental". Wir zahlen nix, wir fahren nur. Hier mein erster Bericht;
Nach über 2000km in der Mongolei sind wir nun wieder in einer Kleinstadt mit Strom und Internet und es ist Zeit, Euch von den wahnsinnig vielen Erlebnissen der letzten 7 Tage zu erzählen.
Tag 1:
Da steht sie nun, die Tenere, das Eisenschwein. Was haben sich die Japaner bloß dabei gedacht, als sie das Erbe der legendären Tenere so verbaut haben? Allein ohne Gepäck wiegt sie bei weniger Leistung weniger als meine BMW zu Hause, mit Alukoffern voll Essen, Wasser und Gepäck und mit meiner Ortliebrolle voll Campingausrüstung wiegt sie vollgetankt etwa das fünffache meines eigenen Gewichts. Und damit soll ich nun 2000km offroad durch die Mongolei? Die Reifen waren noch nie wirklich geländetauglich und haben hinten fast gar kein Profil mehr. Die Kette ist schon hinüber, als sie aus der Pappschachtel kommt – da wurde uns absoluter Billigschrott von Deutschland geschickt! Dazu hat sie noch Alukoffer dran, die ich längst abgeschafft habe. Die Dinger sind nie wirklich dicht, brechen einem beim Sturz die Knochen, sind nicht zu schweißen und ewig sperrig und breit. Ich bin plötzlich sehr skeptisch, ob ich mit dem Schlachtschiff klar komme! Aber ich denke an den Spruch, den mir mal jemand gesagt hat: „Kannste eine fahren, kannste alle fahren!“ Also fahre ich und manövriere das Schlachtschiff durch Ulaan Bators Stadtverkehr und bin überrascht, wie gut das geht. Auf den ersten 80km außerhalb der Stadt zirkelt sie sich auch ganz wendig um die Schlaglöcher herum. Werden wir doch noch Freunde? Als wir die Teerstraße verlassen, zeigt sich, was in dem Plastikhaufen steckt: kein schlechter Geradeauslauf, aber ein mit dem Gepäck und unserem Fahrtempo überfordertes und durchschlagendes Federbein, eine durchschlagende Gabel dünn wie zwei Streichhölzer. Wir genießen absolut schöne Landschaft, duftende Blumenwiesen, einsame Wiesenwege, frittierte Teigtaschen in einer kleinen Klitsche in einem Tagebau-Kaff und lassen den Teneres freien Lauf. Bis der Regen kommt und die Erdpiste in eine Schlammhölle verwandelt, auf der mit dem fehlenden Profil auf eher Straßenreifen gar nichts mehr geht. Ricos Tenere zeigt uns dabei gleich, wie schwer sie ist, wenn man sie in den Schlamm legt. Heftig! Aber wir sind zu zweit und wuchten das voll beladene Schiff auf. Der Regen ist nur kurz und wir finden einen wunderschönen Schlafplatz an einem malerischen Fluß und lassen den ersten Tag am Lagerfeuer ausklingen. In meinem Campingkram finde ich noch versteckte Landjäger. DANKE! <3
Gefahrene km: 350, davon offroad: 250
Tag 2:
Nach 30km erreichen wir eine Teerstraße. Voll getankt rollt es sich 70km entspannt dahin durch eine alpine Landschaft, die mehr an Sibirien oder die Schweiz erinnert: Nadelbäume, grüne Blümchenwiesen, Holzhäuser. Dann ist es aus mit der Entspannung. Fast 200km quälen wir uns durch von Baustellenverkehr zerbombte Landschaft, kämpfen mit fest gebackenen Spurrillen, Baustellen – LKWs, zerfurchte Wiesen – und ab und zu blasen wir über Teile der schon fertig geschotterten Trasse. Und dabei lerne ich: eine voll beladene Tenere ist keine leichte WR250F Sportenduro mit Mousse im Reifen. Der erste Platten der Tour, ein schöner „Snakebite“, weil ich zu schnell über große spitze Steine gedonnert bin. Selbst schuld! Nun heißt es, in der prallen Sonne mitten im Baustellenverkehr Reifen flicken. Leider ist die Vulkanisierflüssigkeit ausgetrocknet. Also halten wir jedes Auto an und fragen „Tent super tsavo benno?“ Nach ca. 30min Fragerei haben wir das ersehnte Tübchen und es kann weiter gehen. In einer der tausend Spurrillen fädele ich das Vorderrad falsch ein und auch meine Tenere darf zeigen, was für ein schweres Eisenschwein sie ist! Heute nerven mich auch die zu schmalen, dadurch unbequemen und kippeligen Fußrasten. Wenn man, wie ich, offroad im Stehen fährt, ist das nicht sehr angenehm auf Dauer. Aber es ist ja nicht mein Motorrad, also schaue ich dem geliehenen Gaul nicht weiter ins ungepflegte Maul
Gefahrene km: 370 davon offroad: 270
Tag 3:
Zum Frühstück bekommen wir Besuch von zwei jungen mongolischen Hirten zu Pferd. Wir dürfen (in Moppedklamotte) Probereiten auf ihren schönen Pferden. Was für eine nette Begegnung am frühen Morgen! Man sagt, die Schweiz habe der Mongolei die Asphaltstraße geschenkt, auf der wir 92 entspannte Kilometer zum Khovsgöl Nuur rollen, einem See auf über 2000m Höhe, der uns mit türkisblauem Wasser empfängt. So schön! In einem Flußbett treffen wir zwei Polen mit den selben Teneres, die sinnvoll umgebaut haben: nur ein Endtopf, verbreiterte Fußrasten etc. Erstmal Mittagsschlaf in einer Blumenwiese am See halten, dann geht's über einen kleinen Schotterpaß zu einem netten Campingplatz mit Holzdusche und Kompostklo direkt am See. Unter der warmen Dusche wasche ich mir den Staub aus den Haaren – und dem Gesicht – ich sehe bei jedem Stop aus, als hätte ich meinen Vollbart seit Tagen nicht rasiert
Gefahrene km: 175
Tag 4:
Heute ist Nadaam, das große Fest in der Mongolei. Wir fahren in den nächsten Ort und mischen uns unters Volk. Es gibt Kinderbelustigung mit Luftballons und Wasserpistolen, Luftgewehrschießen für Erwachsene, eine kleine „Shoppingmeile“ mit handgearbeiteten Dingen und rundum einige Essensstände. Und in der Mitte des Nadaam Festgeländes ist der Platz für die Ringer. Vor jedem Kampf absolvieren die dickbäuchigen Männer in ultra knapper Kampfbekleidung einen „Adlertanz“, dann wird vor zwei Kampfrichtern gekämpft. Runde um Runde. Uns ist das irgendwann langweilig, also stärken wir uns an einem der Essensstände und sitzen im Schatten und beobachten die Leute. Plötzlich kommt Hektik auf: der Zieleinlauf des Pferderennens! 15-30km (je nach Klasse) wurden die Pferde und ihre Reiter (Kinder) über die Steppe gejagt, bis sie unter großer Aufregung ins Ziel laufen. Auch ich habe Herzklopfen, so spannend ist der Schlußsprint! Als wir uns zur Weiterfahrt aufraffen, kommen wir noch am Platz vorbei, wo gerade Bogen schießen stattfindet. Wir müssen in die nächste Stadt (Mörön), um Ricos Gepäckträger schweißen zu lassen. An beiden Motorrädern sind die schon zum wiederholten Mal gebrochen. Noch ein Nachteil von diesen Alukoffern, die ich schon längst bei mir abgeschafft habe... Wir suchen und finden einen Schweißer und machen uns dann auf den Weg, die „Hirschsteine“ zu finden, die uralte Grabstätten eines sibirischen Nomadenstammes markieren. Die Steine sind eine volle Enttäuschung: umzäunt von einem Bauzaun inmitten von nackter Erde. Wir sind etwas enttäuscht, werden aber mit einem super schönen Schlafplatz in der Nähe belohnt: direkt am Fluß unter Bäumen! Wir springen sofort ins Wasser und planen die Weiterfahrt später bei Vollmond am Lagerfeuer. So schön! Schöner wär's nur, wenn Jan dabei wäre!
Gefahrene km: 136, davon offroad 30
Tag 5:
Wehmütig verlassen wir unseren traumhaften Lagerplatz und starten Richtung Westen. Eine Piste jagt die nächste. Fahrspaß pur! Bei einem Stopp meint Rico, er habe „voll den positiven Pistenflash“. Und ich auch. Wir stauben nur so dahin und der Helm ist nicht groß genug, um das breite Grinsen aufzunehmen. Unterwegs treffen wir einen Viehhirten mit seinem China- Motorrad, der fachmännisch unsere Mopeten unter die Lupe nimmt. Meine Kette sei aber schlecht, stellt er sofort fest. Danke, darüber ärgern wir uns schon seit über 1000km. Aber schön, daß es einem mongolischen Hirten auch auffällt! Aber mir fällt auch was an seiner Karre auf: Lampe kaputt, Bremse ab, Gepäckträger gebrochen, Blinker zersplittert, Kotflügel gerissen. Da sind wir quitt!
Gefahrene km: 334, davon offroad; 334
Tag 6:
Es ist 5:30 Uhr (oder doch erst 4:30?) und mich weckt ein Schnauben. Weil es so schön warm ist, habe ich nur mein Fliegennetz am Zelt, durch das ich eine Herde Pferde beobachte, die um unsre Zelte herum grasen. Der Vollmond geht gerade unter, die Sonne hinter dem Hügel auf und Rico und ich liegen mit Fotoapparaten bewaffnet in unseren Zeltöffnungen und staunen. Was für ein einmaliges Naturerlebnis! Die Pferde trinken noch ein bischen aus dem See und ziehen dann weiter – und wir rollen uns wieder ein und schlafen noch ein bischen. Nach dem Frühstück sieht Rico, daß an seiner Tenere der Bremssattel an der Bremsscheibe schleift. Die Teneres haben eine Doppelscheibenbremse mit unterschiedlichen Bremssätteln. Und da kann man nicht einfach 4 gleiche Bremsbeläge kaufen, da muß man schon genau schauen und für rechts etwas mehr Geld in die Hand nehmen. Das wurde offensichtlich in Deutschland versäumt, denn auch meine Tenere hat das Problem. Ich bremse wohl etwas weniger, daher habe ich noch ca. 1mm „Luft“. Rico bastelt aus einem im Kies gefundenen verrosteten Sägeblatt eine Konstruktion, mit der es vorübergehend funktioniert. Wir starten etwas später als sonst durch zunächst tolle Landschaft mit viel Fahrspaß. Bei der Mittagsrast (hausgemachte Nudeln mit Hammel) stellen wir fest: es ist das letzte Dorf für die nächsten über 200km Piste! Wir bunkern Wasser und starten in die Wüste. Die Sonne brennt wie wahnsinnig. Erst am 2. Tag hatte ich mein Winterfutter aus der Jacke getrennt, heute stehe ich in meiner GoreTex Jacke im eigenen Saft. Herr Neumann: ich kann sogar Salzränder schwitzen!
Aus dem Nichts taucht mitten in der Wüste entlang eines Sees Asphalt auf. Entspannung! Wir düsen mit 125 km/h so vor uns durch die glühende Hitze, da stürzt Rico plötzlich schwer. Highspeed Sturz aus dem Nichts! Ich sehe mich schon mongolische Krankenhäuser von Innen besichtigen, doch Rico springt unverletzt auf. Der Flicken vom Vorderreifen war wieder lose, einfach toll, diese Idee des Unbekannten mit der Reifenmontierpaste! Und noch toller: in Ricos nagelneuer Tourguide – Kombi fehlen Hüft- und Rückenprotektoren (trotz dafür vorgesehener Taschen)! Wieder mal wurde am falschen Ende gespart! Gott sei Dank ist nur die Tenere zu flicken. Der Asphalt glüht und ist vor Hitze so weich, daß während unserer Schrauberstunde meine Tenere mit ihrem Seitenständer Löcher gräbt. Ich bin wirklich gar gekocht von der Hitze und dem Schreck und wir schlagen bald unser Lager auf, das nicht gerade schön ist, aber einen schönen Blick auf den See bietet. Der Tag fing so schön an am „magischen See“ und endete so blöde! Die Nacht ist unglaublich heiß und ich schwitze im Schlaf...
Gefahrene km: 370, davon offroad: 260
Tag 7:
Ich wache auf mit dem Wunsch, morgen mal nicht Motorrad zu fahren. Die Hitze hat ein paar graue Hirnzellen zerstört, wie mir scheint. So kenne ich mich nicht! Wir starten früh, um der Hitze zu entkommen. Der Tag empfängt uns nach nur wenigen Kilometern mit sandigen Pisten, für mich eine willkommene Abwechslung nach den harten, schnellen und steinigen Pisten von gestern! Aber mit dem dicken Eimer im Sand? Sowas mache ich sonst mit meiner 250er! Interessant, wie sich der dicke Einzylinder anhört, wenn ich ihn mit dem Po auf der Gepäckrolle durch den Sand jage! Es klappt erstaunlich gut und entspannt, die Kiste geht also auch mit ungeeigneten Reifen und Kampfgewicht im Sand! Wir werden für den gestrigen landschaftlich sehr eintönigen Tag mit tollsten Panoramen, Bergpässen, Bergseen und traumhaft schönen Landschaften belohnt! Es ist ein absoluter Traum, das mit dem Motorrad erleben zu dürfen! Ich genieße jeden Kilometer, jeden Meter, den die Tenere durch diese traumhafte Gegend rollt! Es ist so schön! An einem See fragen wir die Sonnenuhr: wir sind eindeutig in einer anderen Zeitzone! Dann kommt doch noch eine allererste und allerletzte Flußdurchfahrt. Die Strömung ist so stark, daß ich kaum laufen kann. Und da mit nem voll beladenen Eisenschwein durch? Never! Rico hat dabei schon Schwierigkeiten und ist so lieb, auch meine Tenere durch zu fahren. Das Wasser in den Klamotten kühlt angenehm! In einem Dorf suchen wir etwas zu Essen und finden alles etwas komisch: die Männer sind alle betrunken und die Frauen legen sich Frottee – Handtücher über den Kopf, als wir kommen. Das Essen schmeckt nicht und im kalten Tee schwimmen weiße Flocken. Sehr merkwürdig, das Dorf! Später sehen wir in etwas Entfernung zu einer Piste eine kleine Moschee und verstehen: wir sind nicht nur in einer anderen Zeitzone, sondern auch in einer anderen Kultur gelandet! Die Frotteetücher auf dem Kopf waren wohl Kopftuch – Ersatz! Wir sind im kasachischen Teil der Mongolei, dort sind die Menschen Moslems und sprechen Kasachisch! Wir surfen fast mit unseren Teneres in weiten weichen Kurven ein Tal entlang, es macht SO Laune! Auf einem kleinen Pass bleibt Rico stehen. Wir sind beide sehr wehmütig. Bald sind wir, nach 7 Tagen reiner Natur, wieder in der Zivilisation. Hinter uns liegen 2000km mit gut 1500km offroad, wir haben mit sehr viel Spaß und vielen Erlebnissen in Rekordtempo die Mongolei von Ulaan Bator aus Richtung Westen durchquert. Noch 92km bis Rußland und Asphalt. Mir kullern Tränchen unterm Helm, eine absolut traumhafte Woche geht zu Ende. 7 Tage offroad fahren durch tollste Landschaft, 7 Tage abseits der Zivilisation Natur erleben, 7 Tage Fahrspaß. Wir wollen beide nicht die letzten 5 Kilometer bis zur Kleinstadt Ölgii fahren, aber wir haben kein Trinkwasser mehr und müssen wirklich los. Sehr wehmütig fallen wir beide in einer Gästejurte ins Bett.
Gefahrene km: 318, davon offroad: 298
Tag 8:
Wir nutzen die Infrastruktur einer Kleinstadt, um einiges zu erledigen: in der Apotheke das Erste Hilfe Paket auffüllen, Ricos Motorradklamotten flicken lassen, Mitbringsel kaufen, erfolglos nach neuen Schläuchen und ner neuen Glühbirne suchen und auf dem Markt aus Metallschrott Platten schnitzen lassen, um unsere falschen Bremsbeläge weiter nutzen zu können. Hier ist all mein gelerntes Mongolisch nutzlos, russisch bringt uns weiter. Man hält uns eh für Russen. Die Frauen tragen Kopftuch und lange Röcke, der Muhezzin ruft hinter unserer Jurte, auf dem Markt gibt es ganz andere Dinge zu kaufen und auch das Essen ist anders. Unser letzter Tag in der Mongolei war eigentlich einer in Kasachstan. Kurz vor dem Schlafen fällt Rico auf: meine Tenere hat schon wieder einen Platten. Ich hoffe, das war der letzte!
Link zum Fotoalbum:
https://www.facebook.com/media/set/?set ... b19e14235d




