Unsere Firmenchefin ist eine sehr umgängliche Frau. Herzlich, sehr sozial eingestellt, humorvoll und für jeden Schwachsinn zu haben. Nur so wirklich ärgern sollte man sie halt nicht und grad' das hat Motorrad im April geschafft. Rausgekommen ist nebst einem deftigen Leserbrief auch eine Homage an Flottelotte hier und drum leg' ich das auch hier rein. Übrigens mit Lottes Okay
Gruß aus'n Nachdienst
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Sehr geehrte Damen und Herren
Um es gleich klarzustellen - niemand bei uns im Büro liest Ihre Zeitschrift "Das Motorrad", obgleich wir bis auf eine Kollegin alle mit Motorrädern unterwegs sind, sowohl beruflich als auch privat. Der Grund hierfür ist einfach jener, daß wir nicht permanent dem neuesten hinterherlaufen, ältere Bikes besitzen, aber vor allem der, daß wir für Werbung prinzipiell kein Geld ausgeben. "Das Motorrad" sehen wir aber genau als das... eine Dauerwerbung über etliche Seiten und daß etliche ältere Motorräder heute noch zur Zufriedenheit der Fahrer/innen die Straßen bevölkern, wird völlig ausgeblendet - oder ganz weit hinten bei einer kleingehaltenen Gebrauchtberatung. Beruflich sind wir immer wieder mit Werbeaufträgen konfrontiert und glauben zu erkennen, wo Information endet und Reklame beginnt.
Nun verirrte sich aber doch die Ausgabe 2015/08 ins Büro und ich begann darin zu blättern - aber ich kam schon über das Anfangsthema von Michael Pfeiffer nicht hinaus, wo ich mich gegen Ende persönlich beleidigt fühlte. Da gab es doch tatsächlich den Satz "... Aber wer schraubt schon seine Bremsscheibe selber ab und wieder dran?" Völlig irritiert saß ich da, las sicherheitshalber auch die vorigen Zeilen, um sicherzugehen, daß ich nicht etwas falsch verstanden hatte. Doch nein - den Satz gibt es wirklich und auch den darin enthaltenen Sinn.
Die erste Frage zu diesem seltsamen Satz liegt ohnedies auf der Hand. Wer soll besagte Bremsscheibe denn sonst abbauen, wenn frau/man nicht selber? Zufällig vorübergehende Passanten? Der Pannendienst? Die Kinder im Sandkasten am Spielplatz, die mitunter erstaunlich schöne Burgen bauen? Während ich diese Mail schreibe, blicke ich auf meine Hände, meine Finger. Die sind gesund, sie sind beweglich und einigermaßen kräftig. Die könnten eine Erneuerung einer Bremsscheibe selbst bei marginalen technischem Können spielerisch leicht bewerkstelligen. Das Anzugdrehmoment weiß man, den erforderliche Drehmomentschlüssel gibt es überall und aus dem heraus hoffe ich, Sie werden meine Irritation verstehen.
Eben immer wieder mit Werbung konfrontiert, drängte sich mir gleich die zweite Frage auf. Welche Zielgruppe peilt "Das Motorrad" als Leser/innen an? Draufsetzen, starten, fahren, abstellen - und sollte sich auch nur irgendein technisches Problem am Horizont zeigen, ab in eine Vertragswerkstätte? Sehen so tatsächliche die Biker/innen von heute aus? Ein Haufen technisch völlig Ahnungsloser, welcher nichtmal in der Lage ist, einfache und erweiterte Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten selbst zu bewerkstelligen? Zeichneten sich Motorradfahrer/innen nicht immer just dadurch aus, daß sie sich mit der unter ihnen arbeitenden Technik auch einigermaßen beschäftigen? Offenbar lebe ich mit meinen knapp 40 Jahren bereits in der Bronzezeit. Ich bot den Artikel unserem seit über 40 Jahren motorradfahrenden Seniorchef zum lesen an, aber der winkte überhaupt gleich ab. Der lebt noch in der Steinzeit, als "Das Motorrad" noch Ratschläge zur Feinjustierung von Vergasern anbot - wofür man besagte funktionstüchtige Hände brauchte...
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Nur kurz lag "Das Motorrad" 2015/08 unbeachtet im Büro herum, dann kam was kommen musste... eine Kollegin griff danach. Hier muß ich kurz einwerfen, daß die Fähigkeit zu ausgelassenem Humor nebst fachlicher Kompetenz eines der wesentlichsten Aspekte bei Bewerbungsgesprächen ist. Wer das nicht bringt, kommt in meine Firma nicht rein. Nun begann besagte Kollegin zu lesen, begann wie erwartet beim eingangs beschriebenen Satz zu gackern, hatte aber im Gegensatz zu mir die Härte weiterzulesen...
Nun kam es, wie ich es geahnt hatte. Im Form szenischer Darstellungen inmitten des Büros wurde Ihre Zeitschrift süffisant analysiert, zerpflückt und zerrissen und der Schwerpunkt dabei waren die von ihnen so hochgelobten "Assistenzsysteme".
"Traktionskontrolle" - neunstufig einstellbar. Damit kann selbst ein/e BILD-leser/in oder ein Pegida-Stumpfi mit 2cm Stirnhöhe in Schräglage das Gas aufreißen, ohne daß das Hinterrad wegschmiert.
"Wheelie-Control", bitte was? Da kann also eine absolute Null ihren/seinen Nachmittag auf der Straße vor der Eisdiele am Hinterrad verbringen, ohne Gefahr, daß es sie/ihn auf den Rücken schmeißt?
Das meiste Kopfschütteln kam aber bei alldem überbordenden Eletronikwahn.
Nun, da gab es noch den Vergleichstest Ducati 12999 Panigale vs. Ducati 1199 Panigale S, also die neue gegen die alte. Gut, es gab ringsum einige technische Veränderungen, aber 144,5kW gegen 140,1 kW und 296 km/h gegen 299 km/h sind schon ein gewaltiges Argument und absolut den Neupreis von 25.490.- Euro wert, welchen die Zielgruppe von "Das Motorrad" aus der Trinkgeldkasse für den Pizzadienst bezahlt. Aber im Ernst - dieser Vergleichstest war Ihnen sieben quälend lange Seiten wert?
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Unser Seniorchef hat noch stapelweise alte Ausgaben von "Das Motorrad" archiviert, vorzugsweise mit Tests von Motorrädern, welche ihn heute noch interessieren. Ich hatte viele davon mit großen Interesse gelesen und das Buch "Schnell auf zwei Rädern. So fährt man Motorrad" von Ernst "Klacks" Leverkus war meine Einstiegsliteratur zum Thema Motorrad. Ich möchte hier nicht den alten Kalauer aufwärmen, daß früher alles besser war - denn das war es definitiv nicht, alleine schon was die Zuverlässigkeit der Motorräder betrifft. Doch mit dem, was Sie Herr Pfeiffer, hier unter die Leute bringen... damit möchte ich nichts zu tun haben. Nicht mir Ihrer Ideologie, nicht mit Ihrer Botschaft - und nicht mit Ihnen. Aus dem heraus auch die Anrede "Sie", denn als Motorradfahrer in der Welt, ich welcher ich meine BMW R90S bewege, sehe ich Sie nicht...
Ich widme diese Mail einer "Flottelotte" aus dem Suzuki DR Big-Forum, in welchem sich auch unser Seniorchef bewegt. Ich kenne diese Frau leider nicht und bin auch eher sparsam damit, jemandem Hochachtung auszusprechen. Jedoch Lotte hat meine volle Bewunderung und ich sehe diese Motorradkollegin vor meinen geistigen Auge herzhaft lachen, wenn da einer daherkommt und meint "... Aber wer schraubt schon seine Bremsscheibe selber ab und wieder dran?"
Mit freundlichen Grüßen -
Alice Münz
http://www.dr-big.de/forum/viewtopic.php?f=14&t=84762





